Rotary und die Qualität

Jedermann legt Wert auf Qualität. Bei Rotary wird die Forderung nach Qualität besonders häufig und nachdrücklich erhoben, ist diese doch für das Selbstverständnis Rotarys und jedes Rotariers oder jeder Rotarierin von sehr grundsätzlicher Bedeutung.

Mitgliedschaftsentwicklung

Die Forderung nach der Ausbreitung Rotarys hat nichts mit Selbstzweck und schon gar nichts mit Missionierung zu tun. Es ist einfach ein Naturgesetz, nämlich dass jede Organisation, die zu wachsen aufhört, in Wirklichkeit bereits zu sterben beginnt. Wenn wir "Doing Good in the World" ernst nehmen, müssen wir einfach quantitativ mehr Rotarier sein, um die Welt zu einem besseren Platz für alle zu machen. Wir benötigen mehr Herzen, mehr Hände, mehr Hirne, mehr Portemonnaies, also auch Quantität - so weit ist das logisch und unbestritten.

Als ich in San Diego war und an einem Seminar über Mitgliedschaftsentwicklung teilnahm, war dort zu meinem Entsetzen von Qualität keine Rede. Als ich nun nach dieser fragte, wurde mir seitens des Seminarleiters beschieden, dass dies kein Problem sei, weil doch die Klubs sich dann ohnehin um die Qualität der neu aufgenommenen Mitglieder kümmern würden. Ich erzähle diese Begebenheit deswegen, um klar zu machen, dass es so nicht gehen kann, und ich will mich keinem Missverständnis aussetzen, wenn ich für Wachstum plädiere. Tatsächlich ist es ein Faktum, dass sich Rotary in Europa besser und erfreulicher entwickelt als in den Vereinigten Staaten und in einigen anderen Regionen unserer schönen Welt.

Der Präsident Rotary International 2009-10, John Kenny, ein Schotte, hat klar zum Ausdruck gebracht, dass Quantitätsüberlegungen allein für die Nachhaltigkeit der rotarischen Idee nicht ausreichend sind.

Qualität vor Quantität

Das sagt sich so leicht, und man erntet mit diesem Schlagwort rasch Zustimmung. Diese Aussage ist ja auch nicht falsch, jedoch meines Erachtens sehr erklärungsbedürftig, und die Erklärungen werden gerne vergessen.

Rotarier müssen etwas weiter denken und, vor allem, sie müssen ehrlich zu sich selbst sein. Wer hatte denn noch nicht den Eindruck, dass dieses Schlagwort dazu verwendet wird, um Erfolglosigkeit oder Unwilligkeit im Mitgliedschaftswachstum zu bemänteln ? Wer hatte denn noch nicht den Eindruck, dass manche Rotarier mit "Qualität" den eigenen Klub oder sich selbst und mit "Quantität" die anderen meinen ? - böse, aber leider manchmal wahr.

Lassen wir daher diese Ausreden beiseite und nehmen wir zur Kenntnis, dass ohne Wachstum die Zukunft Rotarys nicht gesichert ist, dass aber andererseits ohne Qualität die Nachhaltigkeit dieses Wachstums auf keinen Fall gewährleistet werden kann. Wir brauchen daher kein "entweder oder", sondern ein "sowohl als auch", also beides ! Das Schlagwort sollte daher lauten: "Qualität und Quantität" oder "Quantität nicht ohne Qualität".

Während aber Quantität leicht zu messen ist, gibt es bei der Qualität eine Fülle von subjektiven Meinungen, die oft auch noch widersprüchlich sind. Ich mache daher anschließend den Versuch zu definieren, was Rotary unter Qualität verstehen sollte. Dabei ist es natürlich absolut zulässig, dass jemand eigene Prioritäten hat und meine Meinung nicht teilt.

Qualität der Klubs

Ich meine, wir müssen bei den Klubs beginnen. Gute Leute werden sich nur in einem anspruchsvollen Klub wohl fühlen. Der Rotary Club ist die zweite Heimat des Rotariers, daher ist ein hohes und gediegenes Niveau unabdingbar.

Wann können wir von hoher Qualität eines Klubs sprechen ? Wenn es eine Fülle von Aktivitäten zur Realisierung von Service oder Freundschaft gibt, an denen sich möglichst viele (alle) Mitglieder beteiligen, womöglich mit Familie und Freunden. Auch Stilfragen sind für viele Freundinnen und Freunde auch heute noch von großer Bedeutung. Worauf kommt es nun an ?

  • Gediegene Gesprächskultur
  • Auftreten, Umgangsformen
  • Präsenz (ohne kreative Statistik)
  • Interessante Vorträge
  • Kultur
  • Sport
  • Familie, Kinder
  • private Geselligkeiten
  • Sozialprojekte
  • Gemeindeprojekte
  • Benefizveranstaltungen
  • Reisen
  • usw.

Der Stil in einem Klub ist eine Angelegenheit aller. Die Aktivitäten passieren nicht von selbst, sondern müssen organisiert werden. Es ist daher gut und bewährt, dass in einem Rotary Club die Aufgaben und die Verantwortungen rotieren, sodass jeder Freund die Möglichkeit hat, seine Kreativität, seinen Einsatzwillen und sein Organisationstalent zu beweisen und seine persönliche Note in den Klub einzubringen. Der Vorstand eines guten Klubs hat eine keineswegs belanglose Managementaufgabe zu erfüllen, und er muss sich dabei stets der Konkurrenz zu anderen Rotary Clubs im Distrikt, aber auch zu anderen Service Clubs in seinem Einzugsbereich bewusst sein. Die Mitglieder erwarten sich vom Vorstand für den Klub und seine Mitglieder eine gute Dienstleistung sowie einen tauglichen organisatorischen Rahmen zur erfolgreichen und sinnvollen Mitarbeit.

Dass die Qualität eines Rotary Clubs auch dafür maßgeblich ist, dass die Freunde und Freundinnen gerne Rotarier bleiben und nicht - aus welchen Gründen immer - austreten, versteht sich von selbst.

Die gezielte Ausschau nach oder die Akquisition von geeigneten Persönlichkeiten, die Berücksichtigung von Klassifikation und Alter sowie die würdige Art der Aufnahme neuer Mitglieder spielen für die Zukunft des Klubs eine große Rolle. Diese Aufgaben sind nicht auf den Präsidenten oder auf den Aufnahmeausschuss begrenzt ! Die Verantwortung für die Qualität der Mitgliedschaft und die gute Integration der Neuen haben alle Freunde.

Qualität der Mitglieder und Kandidaten

Es ist klar, dass jeder Rotarier eine etwas andere Meinung zur Qualität hat, ich sagte das schon. Rotary hat aber ein Leitbild, das meines Erachtens eine Art Minimum darstellt, auf das sich alle Rotarier rückhaltlos verpflichten können. Mein Mentor aus meiner Linzer Zeit, PDG Kurt Leistner †, hat mich einmal mit der Kurzdefinition beeindruckt:

"Rotary ist ein Freundeskreis von tüchtigen und anständigen Menschen, die in der Welt Gutes tun."

Ich empfehle sehr, sich diese Definition zu merken. Lassen Sie mich daher auf diese drei Eigenschaften zurückkommen, die das Profil eines guten Rotariers oder einer guten Rotarierin bilden, Freundschaft, Tüchtigkeit, Anstand. Hinzutreten muss die Bereitschaft zum Service.

Zur Freundschaft: Ich gehöre zu denen, die das amerikanische Wort "Fellowship" nie verwenden, weil es für mich den Anfang der Verwässerung Rotarys bedeutet. Die rotarische Freundschaft liegt für mich irgendwo zwischen der innigen privaten Freundschaft und den Klassenkameraden oder den Museumsfreunden. Auf jeden Fall ist die rotarische Freundschaft mit einer Verpflichtung verbunden. Jedem Freund muss klar sein, dass Freundschaft nicht von selbst passiert, sondern gegeben und empfangen werden muss, dass Vertrauen nicht selbstverständlich ist und ebenfalls gegeben und empfangen werden muss. Ein wichtiger Faktor ist die Kommunikation: Ohne das Gespräch ist Freundschaft leer, wir müssen mit dem Freund unsere Gedanken austauschen, seine Ideen kennen lernen, seine Sorgen teilen, Rat und Tat anbieten, seine Persönlichkeit respektieren usw. Dazu gehören auch kleine Aufmerksamkeiten, die dem Freund immer wieder zeigen, dass man an ihn denkt. Für all dies ist der Rotary Club ein geeigneter Ort. Die Präsenzpflicht ist also nicht einfach nur ein (lästiges) Instrument der Disziplin, sondern eine Voraussetzung dafür, dass sich eine Freundschaft in Tiefe entwickeln kann. Denken wir also daran: Wir müssen bereit sein, in die rotarische Freundschaft zu investieren, Zeit, etwas Geld und vor allem Herz.

Zur Tüchtigkeit: Denken wir an das Jahr 1905, als Paul Harris mit seinen Freunden im damaligen Chikago der Prohibition, der Gangsterkriege, der Prostitution, der Schutzgelderpressung usw. das Anliegen verwirklichen wollte, erfolgreiche Geschäfte auch anständig zu betreiben. Rotary will seit Anbeginn aus allen Berufen die Tüchtigsten, denn nur so kann man das Ziel des Anstands mit Nachdruck erreichen. Auch für die Service-Aktivitäten der Klubs ist eine anerkannte berufliche Stellung erforderlich, denn jeder Rotarier wirkt, wenn er für den Klub oder seine Projekte etwas erreichen will, vor allem über sein berufliches Netzwerk.

Zum Anstand: Es gibt keine eigene rotarische Ethik, dennoch meine ich, dass jeder Rotarier eine sehr konkrete Vorstellung davon hat, was in unserer Gesellschaft als anständig zu gelten hat. Dazu gehören meines Erachtens sicherlich nicht Diskussionen über Putzfrauen, die ein Handgeld kriegen. Es geht um den Anstand im Rotary Club, in den privaten Beziehungen, in der Öffentlichkeit und vor allem im Beruf. Gerade der Beruf ist ein multipolares Beziehungsgeflecht zwischen Kunden, Lieferanten, Konkurrenten, Mitarbeitern und Chefs bzw. Kapitalvertretern. Alle geben uns ihre Leistung oder Gegenleistung und sind daher unsere Partner. Wir sollten sie daher auch als Partner behandeln. Damit meine ich, Kundenorientierung nicht nur wegen des Motivs, die Kunden nicht zu verlieren, und Mitarbeiterorientierung nicht nur deshalb, damit diese nicht auf die Uhr schauen. Usw.

Zur Servicebereitschaft: Leider ist das ein leidiges Thema, denn zu viele Freunde stehen häufig etwas abseits. Daher empfehle ich gemeinsame Serviceprojekte wirklich sehr. Nicht nur, weil wir uns das auf die Fahne geschrieben haben, sondern auch weil es ein wunderbares Mittel ist, die Freundschaft zu pflegen und gleichzeitig Vergnügen daran zu haben. Nicht das Hakerl auf der Präsenzliste macht den guten Rotarier und auch nicht der Griff in die Brieftasche.

Zwei Exkurse

Ich habe mit meinem hochgeschätzten Klubfreund PDG Mario Seiller-Tarbuk † zwei Themen erörtert, die immer wieder sehr kontroversiell diskutiert werden, und zwar als er sein bekanntes Vademecum überarbeitete. Ich möchte kurz auf diese zwei Themen eingehen, weil sie dem Qualitätsthema nahe stehen, und weil es sich in beiden Fällen um Begriffsinhalte handelt, bei denen man sich um eine vorurteilsfreie Definition bemühen soll.

Rotary und die gute Gesellschaft: Ich versuche, die gute Gesellschaft als eine Gruppe von Leuten zu definieren, die etwa folgende Gemeinsamkeiten aufweist: Gehobene Bildung und kulturelle Aktivitäten, gehobene soziale Stellung, reger gesellschaftlicher Verkehr mit Pflege privater Freundschaften und Bekanntschaften, ein gewisser Ehrenkodex, Aversion gegen Promis. Es liegt auf der Hand, dass in dieser Fraktion unserer Gesellschaft mehr Rotarier zu finden sind, als in anderen. Es gibt aber keine wechselseitige Bedingung, sondern nur eine Schnittmenge: Weder ist man als Rotarier "automatisch" Mitglied dieser so definierten guten Gesellschaft, noch ist jedes Mitglied der guten Gesellschaft "automatisch" für Rotary qualifiziert. Die Faktoren Freundschaft, Tüchtigkeit und Anstand, verbunden mit Service, etwas Zeit, etwas Geld und viel Herz verschaffen Rotary eine solitäre Stellung.

Rotary als Elite. Jede Gruppe der Gesellschaft hat ihre eigenen Werthaltungen und daher ihre speziellen Eliten (Auslesen). Für mich ist es ganz selbstverständlich: Wenn eine Persönlichkeit von einem Rotarier angesprochen und hinsichtlich Tüchtigkeit, Anstand und Freundfähigkeit für hervorragend befunden wurde, wenn die Bereitschaft zum Service gegeben ist, wenn ein Klub und dessen Mitglieder einen positiven Eindruck gewonnen haben, und wenn diese Persönlichkeit dann in geheimer Wahl aufgenommen wurde, dass gehört diese somit zweifellos einer Elite an. Dabei ist es für mich wichtig, dass man sich weder die Koketterie gestatten sollte, die Elite in Abrede zu stellen: "nein, aber nicht doch, ich bin doch keine Elite", noch darf man sich selbst als elitär bezeichnen. Die Anerkennung als Elite bzw. als Mitglied einer solchen muss immer von außen kommen. Im Innenverhältnis können wir nur die Ziele Rotarys zur Kenntnis nehmen und diese so gut wie möglich realisieren. Andere Eliten, wie z.B. die der Gentechniker oder der Tischtennisspieler streifen bei Rotary selten an. Da aber ethische Qualitäten in unserer Elite-Definition eine besondere Bedeutung haben (Vier Fragen), ist unsere Verantwortung auch dementsprechend hoch. Dazu gehört auch, dass wir uns nicht verstecken, sondern diese Verantwortung auch nach außen dokumentieren, indem wir immer das Abzeichen tragen.

Schlussbemerkung

In unserer Zeit der Gleichmacherei und der Beliebigkeit hat Rotary eine besondere Aufgabe, nämlich Zeichen in der Gesellschaft zu setzen, dass Qualität, Individualität und Verantwortung nötiger sind denn je. Für uns Rotarier bedeutet dies außerdem, dass wir mit Rotary nur Freude haben werden, wenn auch das Niveau stimmt.

Wien, 11.04.09
RN